Der Zauberberg als Keim der Wissensstadt Davos
Schon vor sieben Uhr treffen die ersten Mitglieder der NGW auf dem Bahnhof Winterthur ein, decken sich noch mit Proviant für den langen Tag ein. Zwanzig sind es, ab Zürich dann 22, ab Landquart 24 und in Davos begrüsst Katja Bärenfaller 26 Personen zu einem abwechslungsreichen Tag. Die habilitierte Biochemikerin und Bioinformatikerin ist Präsidentin der Naturforschenden Gesellschaft Davos, aus deren Vorstand alle Expert:innen stammen, die uns an diesem Tag begleiten. Ihr Walliser Dialekt passt wunderbar in die ehemalige Walsersiedlung Davos. Zuerst führt sie uns zum SLF, dem Schnee- und Lawinenforschungsinstitut, das Teil der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL ist. Dort empfängt uns Birgit Ottmer, die mir nur schon wegen ihres Kreuzlinger Dialekts sympathisch wirkt. Als Leiterin der Facheinheit Kommunikation der gesamten WSL koordiniert sie von Davos aus die ganzen Kommunikationsaktivitäten dieses ETH-Bereichs. Ein wichtiges und wohl das bekannteste Produkt des SLF ist das Lawinenbulletin. Entlang des Entstehungsprozesses eines solchen Bulletins führt uns Birgit zuerst durch die Ausstellung mit Messgeräten und -masten, an denen wir herausgefordert sind, die diversen Teile zu identifizieren. Es ist klar: eine gute Datenbasis über die Situation an Standorten auf den höchsten Alpengipfeln und an deren Flanken ist die Grundlage eines verlässlichen Bulletins, der Unterhalt dieser dem Wind und Wetter ausgesetzten Masten eine grosse Aufgabe. Im Büro des Bulletin-Teams wird dann aber klar: die Messdaten sind nur eine von vielen Zutaten: Meldungen von Hüttenwarten und Bergführerinnen, das Wissen über den Verlauf des Winters, das Zusammenspiel mit den Wettervorhersagen und die Kooperation auch über die Landesgrenzen hinweg führt dazu, dass Tourengänger:innen und Skigebiete über die aktuellen Gefahren im Bild sind. Und wie könnte es anders sein: auch KI-generierte Modelle werden als Vergleich hinzugezogen und wenn es grosse Differenzen gibt, wird noch einmal diskutiert, woher diese kommen könnten. Das Bulletin wird aber immer noch von Menschen geschrieben und verantwortet. Aus dem Bulletin resultieren dann diverse Produkte, die ‘gefüttert’ werden müssen, von der Lawinen-App «White Risk» bis hin zum Radio-Interview auf SRF.
Eindrücklich dann der direkte Wechsel in den Forschungsbereich, wo wir eine Eiskammer bei -25°C besuchen, eine Schneeproduktionsmaschine sehen und erfahren, was Schnee von Eis unterscheidet und wie sich Schnee in den ersten Tagen nach dem Fall entwickelt: dank computertomographischen Scans von winzigen Schneewürfeln, welche als vergrösserte 3D-Modelle gedruckt wurden, kann die Entwicklung im wahrsten Sinn des Wortes ‘begriffen’ werden.
Dieses unmittelbarer Nebeneinander von Forschung und Lawinenwarnung befruchtet gegenseitig und erlaubt es an der Weltspitze dabei zu sein und zu bleiben. A propos sein und bleiben: Birgit Ottmer nimmt sich den Samstag Zeit und begleitet uns bis zum Schluss in Davos Wolfgang! So werden weitere Fragen im Verlauf des Tages besprochen und geklärt.
Am Sonnenhang steht das alte Schulhaus von Davos Dorf, ein prächtiger Bau von 1910 mit einem weit herum leuchtenden Blechdach. Darin ist seit 1976 das Physikalisch-Meteorologische Observatorium Davos / World Radiation Center untergebracht. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass ein solches Zentrum nach Davos kam? Auf diese und praktisch alle anderen Fragen im Zusammenhang mit der Strahlungsmessung weiss Wolfgang Finsterle, Co-Leiter des Instituts und ebenfalls Vorstandsmitglied der NGD die Antwort: Im Rahmen der Höhenkuren zur Linderung der Tuberkulose kam auch der in Königsberg geborene Chemiker Carl Dorno, da seine einzige Tochter an dieser Krankheit litt. Er wollte untersuchen, welche Parameter zu dieser Heilung beitrugen und er begann die Sonnenstrahlung genauer zu untersuchen. Dabei ging es insbesondere auch um die Wechselwirkung zwischen Atmosphäre und der Strahlung. Dorno gilt als Begründer der Strahlungsklimatologie, die uns heute im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung stark beschäftigt. Davos wurde zum weltweiten Eichinstitut für Pyrheliometer, also Sonnenstrahlungsmessgeräte. Dies ist bis heute so und der Mittelwert der sechs gut gesicherten Messgeräte in Davos definieren bis heute das Soll. In den letzten Jahren hat sich das PMOD/WRC stark an der Entwicklung eines Standards beteiligt, das nicht mehr auf einzelnen Instrumenten beruht und in den nächsten Monaten soll die vorgeschlagene Methode das ‘Urpyrheliometer’ (analog zum ‘Urmeter’) ablösen. All dies wurde in einem Vortrag präsentiert, an dessen Anschluss wir auf der Dachgiebelterrasse in luftiger Höhe und dann wieder auf sicherem Boden vor dem Schulhaus die grosse Anzahl von Messgeräten für diverse Strahlungsmessungen besichtigen konnten. Alles ist (fast) allen gemeinsam: sie werden stets so ausgerichtet, dass sie Richtung Sonne zeigen, fast wie die Davoser Krankenliegen, auf denen sich die Turbekulosepatient:innen von der Sonne Heilung versprachen.
Vom PMOD/WRC aus führt uns der Weg durch eine traumhafte Bergblumenwiese zum Wanderweg oberhalb des Schulhauses auf einen Forstweg, auf dem es mit einem Picknick-Unterbruch oberhalb des Sees nach Davos Wolfgang zu unserer letzten Station, dem Medizincampus geht. Am Standort der Hochgebirgsklinik Davos entstand in den letzten Jahren der Medizin-Campus Davos, ein Zentrum für Forschung, Behandlung und Rehabilitation. Hier erhalten wir zuerst einen kurzen Abriss zum Medizin-Campus und zur Wissensstadt Davos. Anschliessend folgt ein Vortrag von Christian Riccio, Postdoc bei Cardio-Care, zum Sinn genetischer Screenings zur Identifikation von Patienten mit genetisch bedingt hohen Cholesterinwerten zur Verminderung von Herzinfarkten. Am Medizin-Campus forscht auch Katja Bärenfaller mit ihrer Forschungsgruppe ‘Molekulare Allergologie’ im Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF). Auch am SIAF, in dem inzwischen Grundlagen der Immunologie untersucht werden, ist die Verbindung zu den medizinischen Anfängen der Tuberkuloseforschung zwar schon lange her, aber gleichzeitig. In der Gruppe von Katja Bärenfaller beschäftigt man sich zum Beispiel mit der Frage, wie es kommt, dass eine Person, die eine Krustentierallergie hat, beim Verzehr eines Pouletgerichts allergische Reaktionen zeigt, obwohl sie nie eine Pouletallergie hatte. Oder welchen Effekt Sport auf molekularer und immunologischer Ebene auf den Körper hat und wie die Aktivierung von Immunzellen genau funktioniert. Mit Hilfe modernster Verfahren können einzelne Moleküle nachgewiesen und so die Ursachen genauer analysiert werden. Dies sind nur Beispiele aus der grossen Palette von Schwerpunktthemen, an denen hier geforscht wird.
Voller vielfältiger Eindrücke aus Geschichte, Medizin, Physik, Chemie, Biologie, Architektur und Politik nehmen wir den Heimweg unter die Räder der kleinen roten Bahn, nachdem uns Katja noch bis zum Bahnhof begleitet hat. Der Vorteil einer langen Heimreise besteht darin, dass wir das Erlebte in vielfältigen Gesprächen verarbeiten konnten. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle noch einmal an Birgit Ottmer, Wolfgang Finsterle und Katja Bärenfaller vom Vorstand der NGD für diesen wunderbaren Tag!
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