Bericht über die Exkursion «Von tropischen Riffen zur Eiszeit: Die Geologie des Kantons Schaffhausen» vom 18.4.26 mit Iwan Stössel
Bericht: Michael Oettli
Dreissig Personen zwischen 30 und 80 Jahren treffen sich an diesem Samstagmorgen bei traumhaften meteorologischen Bedingungen. Wir starten von Winterthur aus mit zwei Kleinbussen, die uns den Tag über an acht verschiedene Orte im Kanton Schaffhausen bringen.
Am Bahnhof Schaffhausen laden wir Iwan Stössel auf. Der promovierte Geologe ist Leiter der geologischen Sammlung der ETH Zürich und verantwortlich für die Einführung in die Feldarbeit mit den Studierenden. Seit 25 Jahren in Schaffhausen zu Hause und als ehemaliger Präsident der Naturforschenden Gesellschaft in Schaffhausen kennt er den Kanton wie seine Westentasche, aber auch die Bedürfnisse einer solchen interessierten Laiengruppe.
Oberhalb Hallau verschaffen wir uns einen Überblick, zuerst über die Hauptzüge der Geologie der Schweiz, dann aber vor allem über das Klettgau: in diesem breiten Tal sucht man einen Fluss vergebens: der Rhein, der dieses ursprünglich bildete, fliesst heute weiter südlich. In einem Stein, den Iwan Stössel vom Boden aufliest und aufschlägt, finden sich diverse Spuren auf Meeresablagerungen. Schöne Fossilien und das Modell eines Ammoniten aus Stössels Sammlung lassen uns staunen. Als kleines Highlight: ein unscheinbarer Stein, den er in die Runde gibt, entpuppt sich als versteinerter Dinosaurierknochen. Die angeschnittene Ablagerungsschicht hat schon grosse Teile von Dinosaurierskeletten freigegeben, aber auch kleinste Säugetierzähnchen, die die Geschichte der Säugetiere neu schreiben liessen.
Einige Kilometer östlich treffen wir bei Beringen auf die vertikale, gelbliche Felswand eines ehemaligen Steinbruchs. Die ausserordentlich regelmässige Schichtung des Kalksteins (wohlgebankte Kalke genannt) geben den Geolog:innen bis heute Rätsel auf. Verschiedene Hypothesen werden präsentiert und damit schön der wissenschaftliche Prozesse präsentiert: nicht nur Inhalt, sondern auch die Arbeitsweise der Wissenschaft werden präsentiert.
Keine Hundert Meter weiter östlich dann eine völlig andere Kalkformation am selben Hang: Massenkalk, entstanden aus Schwamm-Algen-Riffen, hat eine kompakte, wenig strukturierte Oberfläche. Das «Inseli» in der Mitte des Rheinfalls besteht übrigens auch aus ebendiesem Fels. Wird er aber ausgewaschen oder gesprengt, können grosse Löcher (Dolinen) oder Formationen wie die «Tüüfels-Chuchi» entstehen, welche wir besuchen. Ein wunderbarer Naturschutz-Ort mit vielen Kleinstrukturen, trockenen und feuchten Teilen: das muss ein Tier- und Pflanzenparadies sein.
Der abrupte Wechsel der Felsformation lässt sich durch die Neuhauser Störung, einen Bruch im Felssystem erklären. Die Hebung des östlichen Teils beträgt zwischen 20 und 60 Metern. So schauen wir hier an eine andere Schicht, obwohl sie unmittelbar nebeneinander liegen. Dass er auch Lehrer ist zeigt er, indem er auf eine Frage hin auf einem Blatt Papier eine gut verständlich Skizze dazu anfertigt, wie die Hebung am Rand eines Bruchs zu Stande kommt.
Die eiszeitliche Entwässerung lässt sich in den Unterwasserströmen immer noch verfolgen. So verläuft der Unterwasserstrom nördlich von Neuhausen noch immer durch das Klettgau, wobei sich der oberflächliche Rhein südlich davon bewegt und beim Rheinfall wieder in sein ursprüngliches Flussbett hinunterstürzt.
Auf dem Färberwiesli (Link) wiederum entdecken wir die Grundlage der Schaffhauser Metallindustrie: am Boden kann man kleine Kügelchen zusammenlesen: Bohnerz besteht aus etwa 25% Eisen, welches früher hier abgebaut und in Neuhausen verhüttet wurde. Vom Abbau zurückgeblieben ist eine hügelige Landschaft, in deren Tümpeln sich an diesem wunderbaren Frühlingstag Myriaden von Kaulquappen tummeln
Wir fahren am tollen Bau der Sternwarte der SH-Nat (Link), unserer nördlichen Schwesterorganisation vorbei zum Engiweiher (Link), dem ersten Pumpspeichersee der Schweiz, der nachts gefüllt und tagsüber wieder abgelassen wird. Das Mittagessen auf den Bänken oder einfach am Ufer des Sees lässt einen die vielen Eindrücke des Morgens etwas sinken lassen und sich auf den ebenso erlebnisreichen Nachmittag vorbereiten.
Der Nachmittag ist den «Löchern» gewidmet, vom Lang- zum Kurz- und schliesslich zum Kesslerloch. Am Langloch diskutieren wir die Frage, weshalb sich so nahe an einem grossen Fluss wie dem Rhein parallel tiefe, heute mit Kies gefüllte, Entwässerungsrinnen gebildet hatten. Das Flussbett war eisgefüllt. So musste das Wasser dem Rand des Gletschers entlang gesammelt und Richtung Westen abgeleitet werden. So entstanden diese Rinnen, von deren Rand aus wir in das riesige Kieswerk hinunterschauen, in welchem Kies und Stein abgebaut wurde. Heute dient es noch als Umschlagplatz und Recycling-Ort für Baumaterial.
Das Kurzloch zeigt sich ganz anders: die Steilwände des ursprünglichen Entwässerungskanals ragen links und rechts in die Höhe, wir gehen praktisch im Flussbett auf einem malerischen Weg, bis dieser abrupt ins Bibertal abfällt, die Teil der Störung ist, die durch den ganzen Schwarzwald bis nach Freiburg führt.
Den Abschluss machen wir beim Kesslerloch (Link), einer Höhle, die den eiszeitlichen Jägern als Unterstand dient, wenn sie zur Zugzeit der Rentiere diesen Ort nutzten. Neben der Geschichte des Lochstabs mit der Zeichnung des weidenden oder suchenden Rentiers nimmt uns Iwan Stössel noch einmal auf die Reise durch die Zeitskalen: vom Jura-Zeitalter vor 200 Millionen Jahren über die Zeit der ersten Säugetiere vor etwa 20 Millionen Jahren, zu den Jägern des Kesslerlochs vor gut Zehntausend Jahren bis hin zur Frage, wieviel Zeit uns denn noch bliebe, bis wir wieder in Winterthur ankommen sollten.
hier geht’s zum: Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen
Fotos: Martin Keller / Michael Oettli







