Wie Neugierde Wissen schafft

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Im Dezember 2009 feiert die Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur (NGW) ihr 125-Jahre-Jubiläum. Hervorgegangen aus einem Lesezirkel, und ursprünglich im akademischen Elfenbeinturm agierend, entwickelte sie sich zu einem Forum, das sich an alle naturwissenschaftlich interessierten Menschen richtet. Das Credo der NGW: Wissen und insbesondere wissenschaftliche Neugierde ist cool – gerade in einer immer komplexer werdenden Welt.

Von Peter Lippuner

19. Dezember 1884. Bereits morgens um sieben zeigt das Thermometer 0,7 Grad. Im Laufe des Vormittags setzt ein leichter Schneeregen ein und bis zum Mittag klettern die Temperaturen auf 4,5 Grad. Schon seit geraumer Zeit spielt das Wetter verrückt. Anfang Dezember hatten tagelang Frost und klirrende Kälte den Menschen zugesetzt, und jetzt das: Milde Tage fast wie Ende März! Kein Wunder, dass das Wetter kurz vor Weihnachten Gesprächsstoff Nummer eins war. Naturwissenschaft im Alltag!

«Gegenseitige Anregung und Belehrung»

An jenem Abend trafen sich neun Männer im Gasthaus «Adler» im Untertor. Sie waren Sekundar- oder Gymnasiallehrer, zwei waren Ärzte und mit dabei war auch ein Apotheker. Dieser übernahm den Vorsitz. Die Absicht der Runde war klar: Ein Verein, besser noch eine Gesellschaft sollte entstehen, die sich für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einsetzen würde. Für all jene, die nicht mehr die Hochschulen besuchten, oder gar nie dort gewesen waren, galt es eine Möglichkeit zu schaffen, um auch im kleinen Rahmen an den neuen Erkenntnissen der Forschungswelt zu partizipieren. Das grosse Zürich hatte seine Naturforschende Gesellschaft schon 1746, also fast 140 Jahre zuvor gegründet. Was normalerweise den Kantonshauptorten vorbehalten war, beanspruchten die neun Männer nun auch für Winterthur: «Eine Vereinigung von Freunden der Naturwissenschaften zum Zwecke gegenseitiger Anregung und Belehrung» wie es im Gründungsprotokoll heisst. Damit war die Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur, kurz NGW, geboren. Im Gegensatz zur Naturforschenden Gesellschaft in Zürich gab sich Winterthur in seiner Namensgebung bescheidener. Wissen sollte primär vermittelt und nicht unbedingt geforscht werden.

Es war eine spannende Zeit damals im ausgehenden 19. Jahrhundert. Physik, Chemie, aber auch die Biologie, insbesondere die Botanik, erlebten eine Blütezeit wie nie zuvor. Es war daher kaum verwunderlich, dass das Interesse an den Naturwissenschaften mit den neuen Forschungsergebnissen wuchs. Doch es gab auch Probleme zu lösen. So liess sich beispielsweise der Zugang zum universitären Wissen nicht so ohne Weiteres bewerkstelligen, zu weit entfernt war der Hauptort, und noch zu jung, das erst zehn Jahre zuvor gegründete Technikum. Man behalf sich deshalb vorwiegend mit wissenschaftlichen Zeitschriften. Diese waren aber enorm teuer und für damalige Budgets kaum tragbar. So schuf man in jener Gründungsnacht vorerst einen Lesezirkel.

Die frisch gegründete Gesellschaft wuchs schnell auf 22 Mitglieder heran. Sie abonnierte diverse wissenschaftliche Zeitschriften wie «Kosmos», eine Monatsschrift für die gesamten Naturwissenschaften, «Das biologische Zentralblatt» die «Revue Scientifique», «Gäa» und «Humboldt», eine Zeitschrift der Entwicklungslehre und nicht zuletzt auch «Natur und Leben». Die frühere Buchhandlung Vogel in der Marktgasse war zentraler Verteilungsort der Zeitschriften. Vogels Vorgänger, der Buchhändler Kieschke, hielt jeweils die neu erschienenen Ausgaben in Mappen zur Verteilung bereit, später, als die Mitgliederzahl auf über 100 anwuchs, sogar in doppelter Auflage. Doch damit nicht genug. Einzelne Mitglieder wollten die Zeitschriften möglichst bald nach ihrem Erscheinen durchsehen können. Für sie wurde in der Stadtbibliothek Winterthur ein spezielles Lesezimmer eingerichtet. Eine Woche lang lagen die Zeitschriften dort auf, bevor sie anschliessend in den Lesezirkel gegeben wurden.

Anfänglich führte die Gesellschaft ein ziemlich stilles Dasein. «Ihre Thätigkeit widmete sie ausschliesslich der Anregung und Belehrung ihrer Mitglieder. Wenn auch oft in kleiner Zahl versammelt, war sie bestrebt, allen Gebieten der Naturwissenschaften ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden», heisst es in den damaligen Mitteilungen und Protokollen.

So fanden in den Wintermonaten Vorträge «Über den Bienenhonig» statt, oder «Über den Ursprung der Sprache», «Über die Reblaus und ihre Verbreitung im Kanton Zürich», oder «Über die klimatischen Verhältnisse Winterthurs». Die stetig wachsende Mitgliederzahl (die Mitgliedschaft kostete damals Fr. 10.–, was heute rund Fr. 117.50 entsprechen würde) erlaubte auch einen ständigen Ausbau des Vortragsangebots. Ab und zu leistete man sich gar auswärtige Referenten. Vorträge wie «Neue galvanische Elemente», oder «Die Berechnung der Distanz zwischen Erde und Sonne durch die Aberration des Lichts» kamen immer mehr ins Programm. Meist war ein fachkundiges Publikum vorausgesetzt, das der wissenschaftlichen Sprache mächtig war und naturwissenschaftliche oder technische Gedankengänge nachzuvollziehen wusste.

Robert Keller und die junge NGW

Vier Jahre nach der Gründung trat der erste Präsident der NGW, der Apotheker Reinhard Hegner, krankheitshalber zurück. Ihm folgte ein Mann, der die Geschicke der Gesellschaft nachhaltig prägen sollte, der Gymnasiallehrer und spätere Rektor der Kantonsschule Winterthur, Robert Keller. Er gab der Gesellschaft sehr schnell neue Impulse. In drei Bereichen war seine Handschrift zu spüren: als Förderer der Naturwissenschaften in Winterthur, als aktiver Forscher und als Leiter der naturwissenschaftlichen Sammlungen. Dr. Robert Keller hatte 1873⁄74 an der Universität Zürich Naturwissenschaften zu studieren begonnen. Nach vier Semestern zog er nach Leipzig und Jena und kam dort in Kontakt mit dem grossen Biologen Ernst Haeckel. Dieser hatte einen wichtigen Einfluss auf sein Denken. Nach seiner Rückkehr nach Winterthur wurde Keller Lehrer für Naturgeschichte und Chemie an der Mädchenschule, später auch am Gymnasium, wo er 1891 zum Rektor gewählt wurde. In seine Zeit fallen eine Reihe von Reformversuchen. So stärkte er die Naturwissenschaften im Lehrplan und auf seinen Vorschlag hin führte das Winterthurer Gymnasium die 40-Minuten-Lektion ein. Nach Kellers Vorstellungen sollten zukünftige Primarlehrerinnen und Primarlehrer ebenfalls das Gymnasium besuchen. Ab 1886 war Keller zusätzlich Konservator der naturwissenschaftlichen Sammlungen der Stadt Winterthur. Auch politisch war er tätig. Er gehörte als Parteiloser eine Amtsdauer lang der Bezirksschulpflege, dem Kantonsrat und dem grossen Stadtrat an. Als Idealist glaubte er an die Höherentwicklung der Menschen durch Belehrung. Dieses Ziel sei aber nur erreichbar, wenn der Kampf um den Lebensunterhalt nicht die ganze Kraft des Individuums erfordere.

Robert Keller widmete einen beachtlichen Teil seines beruflichen Lebens der NGW. Nebst den immer beliebter werdenden Vorträgen (von denen er viele selber hielt), den Demonstrationen und gelegentlichen Exkursionen, hatte er bald nach der Gründung ein wissenschaftliches Publikationsorgan angeregt. Zur damaligen Zeit hatten Wissenschaftler nur beschränkte Publikationsmöglichkeiten. Keller war dies ein Dorn im Auge. Man diskutierte und wog ab – und beschloss schliesslich aus finanziellen Gründen diesen Schritt vorerst doch noch nicht zu wagen. 1895 nahm die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft, der Dachverband aller naturforschenden Gesellschaften in der Schweiz, die NGW als Tochtergesellschaft auf. Jetzt stellte sich die Frage eines Publikationsorgans erneut und vehementer. Es war klar: NGW Mitglieder, aber auch andere Wissenschaftler aus der Region, mussten ihre Erkenntnisse auf kostengünstige Art veröffentlichen können. Keller wagte 1897 einen erneuten Vorstoss – und kam mit seiner alten Idee durch. Die «NGW Mitteilungen» wurden geschaffen. Das naturwissenschaftliche Publikationsorgan wurde in der Folge fast hundert Jahre lang rege benützt. Mehrheitlich berichteten die Autoren (Frauen sind leider keine zu finden) über regionale Themen. Und was kaum anders zu erwarten war: Robert Keller war an vorderster Stelle mit dabei.

Affinität zu Brombeergewächsen

Zusammen mit seinem Freund Hans Schinz schuf der Botaniker Keller auch die «Flora der Schweiz», eine Vorläuferin des Pflanzenbestimmungsbuchs von August Binz. Lange Zeit war es das Standardwerk. «Zum Gebrauche auf Exkursionen, in Schulen und zum Selbstunterricht» lautete der Untertitel. Der Bestimmungsschlüssel umfasste rund 3000 Pflanzen der Schweiz! Seine besondere Leidenschaft galt jedoch wild wachsenden Rosengewächsen, so genannten Rosaceae – und das bekam auch die NGW zu spüren. Vor allem die Brombeergewächse hatten es ihm angetan. Dank vielen Freunden und einem wissenschaftlichen Netzwerk schuf er eine Dokumentation nach der anderen und weitete so die Kenntnisse über die dornigen Pflanzen stetig aus. Eine weitere seiner berühmten Dokumentationen ist diejenige der geografischen Verbreitung der Rosaceae in der nördlichen Westalpenkette, den so genannten Grajischen Alpen. Diese umfassen das Gebiet des nördlichen Piemont, des Aosta-Tals und der Region Rhônes-Alpes. Auf unzähligen Exkursionen und Wanderungen studierte er die Umgebungsverhältnisse der Pflanzen, sammelte Daten zu deren Verbreitung und beobachtete bis auf welche Höhen die Rosengewächse vorkamen. Sein ganz besonderes Augenmerk galt dabei dem Variantenreichtum der Pflanzen. Solche Fragestellungen waren aus der damaligen Zeit heraus mehr als nur verständlich, denn der englische Forscher Charles R. Darwin hatte seine grundlegende Arbeit über die Entstehung der Arten erst etwa 40 Jahre zuvor publiziert.

Die Frage der Klassierung liess Keller keine Ruhe. Immer wieder forderte er in seinen Publikationen, den Artbegriff nicht zu eng auszulegen, weil vieles in der Natur durch mannigfaltigste Übergänge miteinander verbunden sei. Seine wissenschaftlichen Ausführungen «Neuere Beobachtungen über die Brombeerflora im Tösstal, Beiträge zur Kenntnis der Brombeerflora in Stein Säckingen-Mumpf und Über die mitteleuropäischen Rosengewächsen» legen ein beredtes Zeugnis dieser Forschung ab.

Das dritte Gründungsziel der NGW war die Schaffung und der Unterhalt naturwissenschaftlicher Sammlungen. Doch dieses Unterfangen stellte sich als bedeutend schwieriger heraus, als anfänglich vermutet. Immer wieder kämpfte die junge NGW mit finanziellen Schwierigkeiten, die Zeitschriften Abonnements frassen nämlich einen bedeutenden Teil des damaligen Budgets auf. Als das Erreichen des Ziels immer aussichtsloser wurde, entschloss man sich kurzerhand zur Gründung einer eigenen Gesellschaft, der Museumsgesellschaft. Diese verstand sich einzig und allein als Förder- und Unterstützungsorganisation für die naturwissenschaftlichen Sammlungen im heutigen Naturmuseum. 1914 gegründet, unterstützt und fördert die Museumsgesellschaft das Naturmuseum bis auf den heutigen Tag.

Beobachten, Sammeln, Schützen

Die Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur wuchs in den ersten 25 Jahren schnell und erreichte in den 1920er-Jahren bereits über 100 Mitglieder, eine Zahl, die auch durch die späteren Kriegsjahre mehr oder weniger konstant blieb, ja sogar noch zunahm. Offenbar war nebst den politischen und wirtschaftlichen Fragen, die in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit ständig in den Alltag hineinspielten, auch ein Bedürfnis nach Themen vorhanden, die andere Aspekte des Lebens beleuchteten. Hier schloss die NGW mit ihrer Gesellschaft eine Lücke. Vor allem verfolgte sie mit ihren Vorträgen und «NGW Mitteilungen» ein wichtiges Ziel: Die an Naturwissenschaften Interessierten mit aktuellen Forschungserkenntnissen bekannt zu machen, sowohl im lokalen, wie auch im internationalen Bereich.

Beim Durchblättern der Tausenden von Berichtsseiten der «NGW Mitteilungen» fällt das systematische Sammeln und genaue Katalogisieren natürlicher Phänomene in der freien Natur auf. Alles wurde beobachtet, vieles inventarisiert und beschrieben. Man hielt Zustände fest, von denen man erhoffte, sie Jahrzehnte später mit dannzumal aktuellen Daten vergleichen zu können. So gelten die vielen Rosengewächsartikel aus der Feder von Robert Keller zu den noch heute wichtigen Werken. Besonders ins Auge stechen aber auch die Wetterdatenreihen, die der Gymnasiallehrer Fritz Krebs während über 40 Jahren schuf. Dreimal am Tag, um 7 Uhr, um 13 Uhr und um 21 Uhr ging der passionierte Meteorologe in sein Wetterhäuschen an der Trollstrasse und las Temperatur, Niederschläge, relative Luftfeuchtigkeit und Windverteilung ab, hielt die Bewölkung und den Luftdruck fest. Dabei stellte Krebs fest, dass die vorherrschenden Winde aus Südwesten kamen, und das mittlere Wärme- und Kältemaximum in Winterthur genau am 21. Juli beziehungsweise 20. Januar stattfand. Natürlich fehlten in seiner Beobachtungsperiode auch die niederschlagsreichsten und trockensten Jahre nicht. Seine Messtabellen sind heute wissenschaftshistorisch interessant. Sie geben aber auch ein beredtes Zeugnis seiner Leidenschaft, seiner wissenschaftlichen Disziplin und seiner Beobachtungsschärfe ab. Die Daten bilden eine wertvolle Grundlage für eine Studie der klimatischen Verhältnisse im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts – zu einer Zeit als die professionelle Meteorologie noch längst nicht auf dem heutigen Stand war.

Ähnliche Studien machten auch Winterthurer Geologen, die sich von Baugruben fast magisch angezogen fühlten, ermöglichten diese doch neue Blicke in eine sonst verborgene Welt. Der Geograf und Gymnasiallehrer Eugen Hess etwa gewährte interessante Einblicke in die Molasse- und Schotterschichten in der Grüze, wo 1936 in einer Baugrube das neue Lagerhaus der USEGO entstand, oder an der 1937 neu gebaute Büelrainstrasse am Büelrain. Hess vermass diese fein säuberlich, kartierte sie und hielt ihre Charakteristika in Berichten fest, die er in den «NGW Mitteilungen» publizierte. All diese Arbeiten wurden auf freiwilliger Basis gemacht, angetrieben einzig von der naturwissenschaftlichen Neugierde etwas zu beschreiben, was eventuell verloren gehen könnte. «Heute würde dies von Spezialisten gegen Bezahlung gemacht» stellt dazu das ehemalige NGW Vorstandsmitglied, der Biologe Jakob Forster fest. Er weiss, wovon er spricht. Über Jahrzehnte hinweg hat er viel Fronarbeit geleistet. Mit der wachsenden Bevölkerung und deren Bedürfnissen zeigten sich nämlich mehr und mehr auch die Kehrseiten des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes. Die Umwelt wurde zum Thema – nicht nur in Vorträgen und Exkursionen der NGW, sondern ganz konkret im Winterthurer Alltag. Der Bevölkerung zu zeigen, welche Lösungen Naturwissenschaften bereit halten im Kampf gegen Wasserverschmutzung, Bodenverschandelung und Umweltzerstörung, wurde zum Gebot der Stunde.

Schleichende Zerstörung der Umwelt

Es war Mitte der 1960er-Jahre. Die Wirtschaft wuchs und wuchs – aber niemandem fielen vorerst die schleichenden Prozesse auf, die in der freien Natur abliefen. Der ehemalige Forstmeister von Winterthur und früheres NGW-Mitglied, Hans Vögeli, wies als erster auf die Zerstörung von Bächen, Wiesen und Wäldern rund um Winterthur hin. Eine zusätzliche Sensibilisierung erfolgte, als der Kanton Zürich das erste Amphibieninventar in Auftrag gab. An der Arbeit beteiligt waren, unter der Leitung des Gymnasiallehrers Konrad Escher, die beiden namhaften Winterthurer Naturschützer Albert Krebs und Jakob Forster, beide seit langem in der NGW tätig, sowie Egon Knapp, Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen. Die Erkenntnisse waren deutlich: Überbauungen, Strassen, Meliorationen und zubetonierte Landflächen bedrohen den Lebensraum der hiesigen Amphibien und Insekten zusehends. Die Forscher forderten deshalb bauliche Massnahmen und entsprechende Schutzzonen, um eine möglichst variantenreiche Fauna und Flora zu erhalten. Die Resultate der Untersuchung hatten bei den einzelnen Gemeinden einen Schock ausgelöst und in Winterthur kam der Stadtrat zum Schluss, dass dringend gehandelt werden muss. So entstand Mitte der 1970er Jahre die Naturschutzkommission. Diese wurde bald auf verschiedenen Ebenen tätig. Als der damalige Stadtforstmeister Hermann Siegerist die NGW-Mitglieder Albert Krebs und Jakob Forster anfragte, ob sie ihm bei der Erstellung von Naturschutzstandorten behilflich sein würden, sagten beide sofort zu. Maschinen fuhren auf und gruben Löcher für einfache oder mehrstufige Weiher. In wenigen Jahren entstanden so Biotope im Totentäli, auf dem Chom- und dem Eschenberg. Heute bilden rund 48 Weiher rund um Winterthur ein weit verzweigtes Verbundnetz. Und das Geheimnis des Erfolgs? Jakob Forster sieht den Grund in einer einfachen, aber wichtigen Tatsache: «Der Naturschutz wurde nie verpolitisiert, es ging um die Sache, bei der man immer wieder auch Kompromisse fand.»

Von Staub und Wandel – die NGW heute

Wie manche Organisation, die einmal die ersten hundert Jahre überstanden hat, setzte auch die NGW Staub an. Anfänglich hatte sie sich als wichtiges wissenschaftliches Informations- und Publikationsorgan, als Ort der gegenseitigen Anregungen und Weiterbildung verstanden. Dazu kam die Geselligkeit und Verbundenheit im engen Kreise. Primär sah man die NGW jedoch als einen «Uni-Ersatz». Hier war man unter seinesgleichen, unter Leuten, die sich gegenseitig aus- und weiterbilden wollten. Das «Fussvolk», wie ältere Mitglieder dies ausdrückten, war zwar geduldet, aber wirklich dabei war man nur als «Gschtudierter».

Nicht-Naturwissenschaftlerinnen und -Naturwissenschaftler durften zwar «mitlose», – und taten dies auch gerne – wie sich die ehemalige Chefin des Labors der medizinischen und später der chirurgischen Klinik des Kantonsspitals Winterthur, Verena Hofmann, an die damalige Zeit erinnert. Sie war damals eine der ganz wenigen Frauen, die der NGW beitraten. Seit den 1940er-Jahren fand und findet sie den Weg zu den Versammlungen immer wieder und hält der Gesellschaft die Treue. «Ich bin dankbar für die vielen anregenden Erlebnisse, die ich mitverfolgen durfte.»

Doch plötzlich begann sich etwas zu bewegen. Es waren Leute wie Heinz Rutz, ehemaliger Biologielehrer an der Kantonsschule Rychenberg, der Physiker Hanspeter Stump vom Technikum oder der heute pensionierte Biologe Lutz Ibscher, Lehrer an der Kantonsschule Büelrain, die in ihrer Stellung als Präsidenten der NGW auf eine Öffnung drängten. Die Konkurrenz von Radio und Fernsehen und die Flut von populärwissenschaftlicher Literatur machten Gesellschaften wie der NGW schweizweit zu schaffen. Es galt neue Wege zu finden, denn die Überzeugung, dass es eine NGW brauche, diese Überzeugung hatten Vorstand und Mitglieder gleichermassen. Ein erster Schritt war die konsequente Abkehr von einer Gesellschaft im Elfenbeinturm. Die Devise, dass eine naturwissenschaftliche Gesellschaft nur mit Eingeweihten funktionieren könne, hatte sich überlebt. Neue Leute kamen dazu mit Freude an der Natur und an anderen naturwissenschaftlichen Fragen. Sie wollten am Wissensstrom teilnehmen. Doch vorerst galt es Staub abzuwischen und Ballast loszuwerden. Mit dem Aufkommen der elektronischen Medien und ihren zum Teil hervorragenden populärwissenschaftlichen Programmen, dem Internet, vor allem aber mit der Verbilligung wissenschaftlicher Bücher und Zeitschriften, sank die Bedeutung des Lesezirkels, der ursprünglich im Zentrum gestanden hatte, stark. Bei einer Umfrage stellte sich 1974 heraus, dass nur noch 12 Mitglieder sich für die Fortführung dieses Kreises interessierten. Der Lesezirkel verschwand still und leise. Offensichtlich konnten und wollten die Mitglieder ihr Wissenschaftsmenu selber zusammenstellen und waren nicht mehr auf die Unterstützung und die Informationskanäle der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft angewiesen, zumindest nicht in dieser Form.

Auch die einst hoch geschätzten «NGW Mitteilungen» machten eine Entwicklung durch. Mittlerweile war der Druck unter den jungen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern in grossen und renommierten Wissenschaftszeitschriften zu publizieren so gross geworden, dass der Reiz, sein Wissen auch auf lokaler Ebene weiterzugeben immer mehr schwand. Die «NWG Mitteilungen» in ihrer alten Form wurden in der Folge 1992 eingestellt. Trotzdem, ganz ohne Publikationen blieb die NGW auch nach 100 Jahren nicht. Der Geograf und Spezialist für Jahrringforschung, Felix Kaiser, gab als Präsident den Anstoss zu neuen Wegen. Die gestiegenen Ansprüche an Druck, Interaktivität und vor allem an sauberer populärwissenschaftlicher Darstellung liessen die NGW nach neuen didaktischen Wegen und Mitteln suchen. Zwei Beispiele dafür sind die reich bebilderte Monografie «Waldzeit» von Michael Wiesner und die DVD «Faszination Natur» von Jakob Forster, Hanspeter Schaub und Martina Lippuner. Dass der neu eingeschlagene – elektronische – Weg der richtige war, zeigte sich von unerwarteter Seite: Die DVD mit ihren rund 1000 hervorragenden Tier- und Pflanzenbildern, sowie den kommentierten Filmen wurde ins Sortiment des Lehrmittelverlags Zürich aufgenommen. Sie verschaffte der NGW in den Schulen eine Breitenwirkung, die ihr in den ganzen hundert Jahren noch nie gelungen war.

Naturwissenschaften populär «verkaufen»

Wohin geht die Entwicklung? Viele Naturforschende Gesellschaften in der Schweiz beklagen sich über Mitgliederschwund und eine zu hohe Altersstruktur. Trotzdem sind Hoffnungssignale vorhanden, die zeigen, dass es auch anders geht. Vor einigen Jahren entschlossen sich die Programmverantwortlichen der NGW nebst den rege besuchten Vorträgen und Exkursionen neue Veranstaltungsformen zu schaffen, die modernen Kommunikationsbedürfnissen eher entsprechen. Die Sonntagmorgen-Matinée «Wissenschaft um 11 » wurde geboren. Im Stile eines «Science Cafe» treffen sich einmal im Monat in der alten Kaserne Winterthur Menschen mit einem besonderen Interesse an Naturwissenschaften. Dort erwartet sie eine Mischung aus Musik, Wissenschaftsvortrag und persönlichem Gespräch. In intimem Rahmen geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Einblick in ihr Denken und Fühlen. Diese neue, ungezwungene und lockere Form kommt beim heutigen Menschen gut an. Plötzlich sind Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler nicht mehr nur objektiv, ernst oder nüchtern, sondern zeigen Gefühle, haben Wünsche, sprechen von Verantwortungen und hegen Hoffnungen – werden Menschen zum Anfassen.

Wer heute Naturwissenschaft auf populäre Art «verkaufen» und dabei sein will, muss dies auf vielfältige Weise tun. Das kann in Primarschulen passieren, wo NGW Mitglieder zusammen mit interessierten Lehrerinnen und Lehrern Wissen und Erfahrung an junge Menschen weitergeben. Das mag ein Festakt sein, bei dem jedes Jahr die beste naturwissenschaftliche Maturitätsarbeit an den drei Winterthurer Kantonsschulen prämiert wird. Das kann aber auch ein Grossanlass sein, wie die «Zeltstadt des Wissens», die im Oktober 2009 aus Anlass des NGW-Jubiläums stattfand. Allen Aktionen ist eines gemeinsam: Sie zeigen Bilder, geben Eindrücke und vermitteln Erklärungen, dass Wissen und insbesondere wissenschaftliche Neugierde cool sind – und es noch lange bleiben werden.

Peter Lippuner war Wissenschafts-Journalist beim Schweizer Fernsehen, ist heute pensioniert und Präsident der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur. Er wohnt in Winterthur.

Dieser Artikel erschien im «Winterthurer Jahrbuch 2009».

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